Der Künstler

Das künstlerische Schaffen des Malers Willy Muschter

Laudatio von Karin Weber

Mit dem Schlagwort „Realismus“ wird heutzutage allzu flott und leichtfertig, manchmal sogar diskriminierend umgegangen. Welche Facetten wirklicher Realismus enthalten kann, erweist ein eingehender Blick auf die Arbeiten von Willy Muschter.

Durchmisst man die Bildwelt von Willy Muschter, dann wird eines unmissverständlich klar, dass hier zwischen der künstlerischen Haltung und der Kunst selbst keine wie auch immer geartete Trennung liegt, dass die malerische Persönlichkeit ganz offensichtlich mit der Stimme der Malerei zusammenwuchs. Seine Arbeiten, Aquarelle, Pastelle, Ölbilder sind ein Ganzes. Und der Künstler selbst bleibt mit ihnen gegenwärtig. Seine Arbeiten sind klangvoll inszeniert, sind Farbgebilde einer Harmonie parallel zur Natur und mit der Natur. Es gibt einen Dialog zwischen der Autonomie seiner schöpferischen Person auf der einen und der Autonomie der sichtbaren Welt auf der anderen Seite. Zwischen beiden laufen unsichtbare Fäden und die Malerei vertieft immer weiter die Geheimnisse, die sie über die Welt ans Tageslicht zu fördern scheint. Es ist ein endloser Prozess von Wahrheitsfindung, der sich hier auf ganz persönliche Weise vollzog.

1912 wurde Willy Muschter in Wallroda bei Radeberg geboren. Nach Abschluss der Schule erlernte er den Beruf eines Teppichwebers, ein Beruf, der künstlerische Ambitionen voraussetzt. Das Malen prägte seit frühester Jugend seine Persönlichkeit. Man darf nicht vergessen, dass Willy Muschter zu der Generation gehörte, die durch die Kriegserlebnisse unwiderruflich geprägt wurde. Vielleicht war ihm deshalb auch das Naturerlebnis so wichtig, da es hier weder Lüge, noch Verrat, noch Falschheit gab, sich das Gegenüber nicht verstellte, keine Rolle spielte, sondern die Wahrhaftigkeit des Lebendigen in der ewigen Metamorphose von Werden und Vergehen zum Ausdruck kam.

Mit der Heirat 1935 zog er nach Radeberg. Ihm wurden zwei Kinder geboren, die auch der Kunst erlagen.

Nach 1945 wurde Willy Muschter Neulehrer. Er unterrichtete Malen und Zeichnungen, was seinen grundlegenden Neigungen entsprach. 1958 begann er noch ein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, um sich zu vervollkommnen und seine künstlerische Potenz auszuloten. Willy Muschter haben die erlebten Widersprüche in die Natur getrieben, hier konnte er atmen und seine Träume bewahren. Seine Handschrift blieb unbeeinflusst von Moden und Vorbildern. Er suchte sich selbst treu zu bleiben und wollte keine Erwartungshaltungen befriedigen. So gab es keine einschneidenden Veränderungen oder Stilbrüche, sondern eher ein stetes Anwachsen der bildnerischen Erfahrung. Ein Sich-Versenken in lyrisch-romantisierende Naturseligkeit lag ihm fern. Er erwies sich als valeurreicher Kolorist von Landschaft. In der Landschaft kam er an, hier fand er sich und kam zur Ruhe und hier konnte er im Schauen sehen. Nichts war gebrochen von Zeit und Unrast. Willy Muschter war ein Augenmensch, der sich von atmosphärischen Stimmungen mitreißen ließ, von glücklichen Momenten des Einsseins mit naturhaften Gegebenheiten. Sämtliche Arbeiten entstanden a la prima vor der Natur, wobei er sich klimatischen Besonderheiten aussetzte: Wind, Sonne, Nebel, Regen. Seine Werke sind Fenster, Tür und Schwelle, sich als Betrachter Landschaft zu nähern. So besteht der Leitfaden des gesamten künstlerischen Schaffens von Willy Muschter in der Suche nach eigener Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit, die der Künstler braucht, um so sein zu können, wie er ist.

Die Werke leben von seiner ruhigen Lebenskraft. Schaut man die Bilder an, dann spürt man veristisch- naturalistische Neigungen im Frühwerk, später akzentuiert von impressionistisch luminaristischen Leidenschaften um dann im expressiven Farbklang zu kulminieren. Man erkennt, dass die Stimme der Malerei mit der malerischen Persönlichkeit zusammenfloss.

Gottfried Sommer, der Willy Muschter als Student kennen lernte, schrieb anlässlich des 90. Geburtstages im Jahr 2002 Folgendes:

„ In seiner kargen Freizeit radelte er hinaus in die Landschaft, beladen mit dem Malzeug und der Feldstaffelei. Er arbeitete gern vor Ort. Seine mit liebevollem Blick erfassten, in verhaltener Farbigkeit detailgetreu wiedergebenen Imperssionen vom Hüttertal, den Teichen und Mooren bei Wittichenau, des Silberbergs oder des Gebietes um Rammenau belegen das tiefe Gefühl Willy Muschters für die Landschaft der Westlausitz. Wohltuende Harmonie geht von seinen Bildern aus. Kein Wunder, dass der Maler in Radeberg stadtbekannt war. Seine Kunst forderte zum Sehen und Erleben auf. Man konnte darin Bekanntes oder Gewusstes wieder finden. Das machte sie den Menschen vertraut und annehmbar.“ Nach dem Krieg malte er in den Alpen. In der Westlausitz fühlte er sich beheimatet und doch zog es ihn an die Ostsee nach Hiddensee oder auch ins Riesengebirge, also in Gegenden, wo es weite Horizonte gibt und die Gedanken Raum finden.